Trotzdem – irgendwie freue ich mich auf Deutschland. Vermutlich werde ich mir das nach kurzer Zeit im Norden (und damit meine ich das ganze Land, nicht ausschließlich Norddeutschland) aber wieder anders überlegen.
Jedenfalls werde ich immer gerne an die Zeit hier zurück denken. Einige Dinge werden mir fehlen, andere nicht. Bei manchen Dingen bin ich mir da noch nicht so ganz sicher:
Ist es zum Beispiel positiv oder negativ, dauernd auf der Straße dumm angebaggert zu werden? Egal ob alt oder jung, die Männer lassen nichts anbrennen. Es wäre interessant, herauszufinden, wieso so ein Verhalten nicht ausstirbt. Was hat es für evolutive Vorteile? Vielleicht stehen da wirklich manche Mädchen drauf. Irgendwie gibt es einem ja auch das Gefühl, interessant zu sein. Wenn man sich nicht gleichzeitig vor Augen hält, dass hier alles Weibliche angemacht wird, Aussehen egal. Zum Charaktertesten kommt es ja nie.
Einer der Pluspunkte von Montpellier ist ohne Frage das Wetter, das es den Aufreißern erlaubt, jeden Abend leicht bekleideten Mädchen dumme Sprüche hinterherzurufen. Auch wenn die Einheimischen über den schlechten Sommer jammern, ich fand ihn super. Nur ein paar Tage war es wirklich so heiß, dass man nachts nicht schlafen konnte. Trotzdem war es die meiste Zeit schön warm. Einfach in kurzen Sachen um Mitternacht draußen in einer Bar sitzen – in Deutschland ist das bestimmt keine drei Monate lang möglich. Und dieses Jahr sowieso nicht.
Die Gelassenheit der Franzosen gefällt mir auch. Ich werde mich wieder dran gewöhnen müssen, nicht mehr wie ein Rowdy ohne Rücksicht auf Verluste Fahrrad zu fahren. Wen kümmert’s hier auch, hier passt eben jeder auf, dass er nicht überfahren wird. Rote Ampeln sind dabei auch Interpretationssache, egal ob zu Fuß, mit dem Fahrrad oder sogar mit dem Auto. Gehupt wird hier relativ selten (zumindest nicht, wenn man mal aus Versehen etwas zu spontan abbiegt, ohne es vorher deutlich zu kennzeichnen) und erst ein einziges Mal wurde ich angemault, weil ich auf der falschen Straßenseite auf dem Fußweg Fahrrad fuhr. Und der Meckerer hatte bestimmt deutsche Vorfahren.
Die Gelassenheit hat aber auch schlechte Seiten, wenn sie zu einem „Is-mir-doch-alles-Wurscht“-Verhalten führt. Als ich Dienstag aus dem Supermarkt kam, lag auf der Treppe vor dem Laden ein junger, demolierter Mann. Er atmete noch, hatte eine Holzlatte umschlugen, die Vorderzähne frisch ausgeschlagen und blutete am Arm. Da er aber noch ein Stück Treppe freigelassen hatte, gingen sämtliche Supermarktbesucher relativ unbeeindruckt, ihn nur eines kurzen Blickes würdigend, an ihm vorbei in den Laden.
Ich war empört, versuchte ihn anzusprechen. Schließlich hätte er sterben können. Da ich die Holzlatte in seiner Hand dann aber doch zu beeindruckend fand, um ihn aus seinem Koma zu erwecken und diese eventuell auf meinen Kopf donnern zu lassen, hielt ich eine Passantin an, die gerade aus dem Supermarkt kam. Was man jetzt denn wohl machen sollte. Sie murmelte etwas von Feuerwehr und war die Einzige, die mit mir stehen blieb. Als ich ihr den Rücken zuwandte, weil ich mich entschlossen hatte, im Laden um Hilfe zu bitten, verschwand sie sichtlich erleichtert. Ich habe den demolierten Mann dem Sicherheitspersonal überlassen. Er lebte jedenfalls noch. Aber diese Haltung der Franzosen hat mich echt schockiert. Ich hoffe doch, in Deutschland würde man so jemanden nicht einfach da liegen lassen??
Dagegen ist ein anderer nicht ganz positiver Punkt der Gelassenheit geradezu eine Lappalie. Gelassenheit führt nämlich zum Schlangestehen. Dabei ist hier keiner so zivilisiert wie die Engländer. Es geht einfach alles ein wenig langsamer, im Supermarkt lassen sich die Kassierer Zeit und auch sonst habe ich hier mehr Zeit in Warteschlangen verbracht als in der gesamten Zeit vor dem Aufenthalt hier.
Im Supermarkt steht man dann aber nicht nur in der Schlange, sondern wird auch noch arm. Es ist unglaublich, wie teuer hier alles ist. In Deutschland wird es mir überhaupt nicht auffallen, dass die Milchpreise gestiegen sind. Ich würde fast wetten, dass die Butter hier immer noch deutlich teurer ist als in Deutschland – trotz Preisanstieg.
Aber den Franzosen ist das Essen eben auch was wert. Die Restaurants sind immer voll, egal, ob Wochentag oder Wochenende. Essen wird hier zelebriert. Menüs bekommt man im Restaurant fast für den gleichen Preis wie ein Hauptgericht. Trotzdem bekommen es die Leute hin, irgendwie schlank zu bleiben. Das Geheimnis dafür muss ich noch mal rausfinden. Vielleicht ist ein guter Tipp, wie die Franzosen einfach kaum was zwischendurch zu essen.
Schlank sind die Franzosen aber auch nur, wenn sie nicht einen Kugelbauch vor sich herschieben. Der kommt bei den Frauen aber meistens von den Kindern, die in demselbigen heranwachsen. Um zu sehen, dass Frankreich ein geburtenstarkes Land ist, muss man keine Statistiken wälzen. Man muss nur einmal durch die Straßen gehen, dort wimmelt es nur so von Familien mit Kindern und Schwangeren.
Als negativ zu erwähnen wären noch die Hundehaufen in Montpellier. Obwohl hier dauernd irgendwelche Wägelchen zum Saubermachen rumfahren, sollte man beim Gehen die Augen immer auf dem Asphalt haben. Sonst gibt es böse Überraschungen. Für mich übrigens noch nicht – aber ich habe ja auch noch ein paar Tage.
Ein anderer negativer Punkt – diese Woche passieren mir lauter solche Sachen, ich glaube, ich soll hier weg – ist mir Dienstagabend aufgefallen. Dieser Dienstag hatte es wirklich in sich. Wir saßen zu viert, zwei Männer, zwei Frauen, Bier trinkend auf einem recht zentralen Platz, der Esplanade zwischen Comédie und Corum. Jedenfalls endete es damit, dass einer unser Kumpel von einem Unbekannten eine Ohrfeige und von einem zweiten Unbekannten zwei Faustschläge verpasst bekam. Ohne dass wir irgendetwas provoziert hätten, wohlgemerkt. Gott sei Dank suchten wir unser Heil in der – wenn auch gemäßigten - Flucht.
Eine Minute später trafen wir auf einen Polizeiwagen. Der Franzose unter uns erzählte den Vorfall den Polizisten, die meinten, wir hätten ja wohl anrufen können. Wir versuchten zu erklären, dass wir keine Zeit gehabt hatten, die Polizei anzurufen. Ob sie denn wohl mal eben mit uns über die Esplanade fahren könnten, um die Täter zu finden. Nö, könnten sie nicht. Interessierte sie auch alles gar nicht. Die Polizei, dein Freund und Helfer. Sie versprachen aber, in Sichtweite zu bleiben, und waren nach einigen Augenblicken nirgends mehr gesehen.
Letztendlich verbrachten die beiden Schläger dann aber doch die Nacht im Knast. Das aber nur, weil wir mit dem Handy die Polizei riefen, als wir sie das nächste Mal sichteten. Wobei wir da erst einmal fünf Minuten in der Warteschleife verbrachten, bis wir zum Notruf durchgestellt wurden und es weitere 10 Minuten brauchte, bis drei Polizeiautos mit Blaulicht (sie wollten wohl irgendwas gut machen) heranrasten.
Diese Nacht war wirklich abenteuerlich. Und sie hat mich gelehrt, sich nicht zu sehr auf französische Polizisten zu verlassen.
Mit so einem negativen Punkt kann ich hier aber nicht abschließen. Denn das vielleicht Beste hier ist eindeutig die Landschaft und die Tatsache, dass man mal eben am Wochenende an den Strand fahren kann. Wer kann das schon von sich behaupten? Zum Beweis der tollen Landschaft hänge ich wieder ein paar Bilder dran. Natürlich auch von Montpellier, der derzeit tollsten Stadt der Welt (die natürlich nächste Woche mit meiner Abreise einiges an Qualität verlieren wird). Die Bilder sind dieses Mal mit einer Spiegelreflex-Kamera und auch nicht von mir gemacht. Mein Dank geht an Sabrina und Juliane. Und, ja, in diesem tollen Fluss mit diesem tollen kleinen Wasserfall waren wir wirklich letztes Wochenende schwimmen. Unbeschreiblich. Es ist so schön hier!
Ohne Frage und ganz subjektiv gesehen überwiegen die positiven Dinge in Montpellier. Also bin ich wehmütig. Erst einmal.






















































