Sonntag, 4. März 2007

Von Mummengreisen und ornithorynques

Massenmail von Dienstag, 20. Februar 2007

Salut à tous

Mal ehrlich: Wisst Ihr, was ein Mummengreis ist? Nein? Ich naemlich auch nicht. Aber ich weiss jetzt, was es auf Franzoesisch heisst, dank eines Textes ueber Phylogenie. Und was Schnabeltier heisst, hab ich auch gelernt, aber ob ich mir das merken kann, ist eine andere Frage.

Gut, das aber nur so nebenbei. Hier folgt also puenktlich eine Woche nach Ankunft die zweite Mail und - siehe da - es hat sich Einiges getan.

Erst einmal vergesst ab 10.03. bitte meine Adresse hier. Ich war naemlich letzte Woche dann doch mal draussen das Viertel erkunden und habe festgestellt, dass in der Naehe zwar ein Park ist, ansonsten die Gegend aber nicht so der Hit ist. Im Dunkeln auf dem Weg von der Tram nach Hause von komischen Leuten angesprochen zu werden, mag in Frankreich vielleicht normaler sein als in Deutschland, aber wohl ist mir dabei nicht, wenn ein Mann im Auto langsam neben mir herfaehrt, bis ich ihn anfauche, dass er mich in Ruhe lassen soll. Von anderen Erasmusstudenten hab ich mittlerweile gehoert, dass ihnen im Franzoesischkurs gesagt wurde, man solle das Viertel hier bei Dunkelheit meiden. Meine Guete, hab ich da wieder einen Glueckstreffer gelandet.

Aufgrund dieser Tatsache war meine freie Zeit seit meiner Ankunft auch gar nicht mehr frei, da ich versucht habe, eine Wohnung in der Innenstadt oder wenigstens in einem sicheren Viertel zu finden. Ihr glaubt gar nicht, was das fuer eine Odyssee war. Ich habe bestimmt 20 Wohnungen, das heisst Ein-Zimmer-Apartments und wenige WGs (gibt's hier echt nicht soooo oft), angeschaut. Die Kroenung war eine Frau gestern, die in ihrem unbeschreiblich chaotischen Haus tausend Mal betonte, dass sie schon seit 1989 Gastmutter ist. Wie sie die Leute bloss findet?
Auf der verzweifelten Suche nach geeigneten Anzeigen hab ich dann Freitag gleich eine Italienerin kennengelernt, die noch verzweifelter suchte als ich, weil sie in der Jugendherberge wohnt. Gut, das ist vielleicht ungefaehrlicher als hier, aber auch unbequemer und vermutlich teurer.
Jedenfalls haben wir die ganze Zeit gemeinsam suchend verbracht und gestern bin ich rein zufaellig auf die Wohnung von jemandem gestossen, dessen Erasmus-Aufenthalt am 10. Maerz zuende geht. Super Wohnung in der Innenstadt, moeubliert und alles, der Vermieter mag Deutsche, wunderbar, ich hab sie. Wenn Ihr mich also besuchen kommt, muesst Ihr nicht mehr in der Banlieue schlafen, sondern in einer super feschen Wohnung in einer total schoenen Strasse in der total schoenen Altstadt.
Die Italienerin hat uebrigens immer noch nichts gefunden.

Aber ein Gutes hatte das Ganze: Hemmungen, auf Franzoesisch zu telefonieren, hab ich jetzt bestimmt keine mehr.

Fuer die, die's interessiert, erzaehl ich noch mal kurz was von der Uni. Heute hat mein sogenanntes "stage de recherche" angefangen bei Prof. Douzery. Ich sitze mit ihm in einem Raum, oft kommt noch ein andere Professor vorbei (den Mainzer Anthropologen sei gesagt: da kann man glatt neidisch werden, die verstehen sich hier am Institut und gruessen sich sogar alle!!) und ich habe heute Nature Artikel gelesen. Erst mal wurde mir erklaert, dass ich an Indels (also Deletionen bzw. Insertionen in der DNA) arbeiten werde, um Marker zu finden, die fuer die Stammbaumrekonstruktion von Saeugetieren wichtig sind. Wie genau das nachher ablaeuft, habe ich noch nicht ganz verstanden, aber hoerte sich interessant an. Zum Schluss soll ich dann da auch noch nett einen Artikel drueber verfassen, ich werde also als beruehmte Wissenschaftlerin publizieren, ob Nature oder Science, ueberleg ich mir dann. (Schwachsinn!)Heute wurde mir aber erst mal ein Stapel Artikel gegeben, um mir Hintergrundwissen anzueignen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht mehr als zwei durchgearbeitet habe. Aber ich weiss ja auch nicht genau, wie gut ich sie verstehen muss. Der franzoesische ging uebrigens erstaunlicherweise leichter zu lesen als der englische, aber sonst sind alle englisch. Mein Englisch ist innerhalb von einer Woche schon verkuemmert, aber hoffentlich zu Gunsten des Franzoesischs.

Ach ja, und morgen kann ich mich dann hoffentlich endlich auch einschreiben und dann geht naechste Woche wohl sowas Tolles los wie Science et Musique. Und ich kann legal in der Mensa essen. Und ins Internet an der Uni. Uebrigens, Internet und Telefon werd ich ab dem 11. Maerz dann auch erst mal nicht zu Hause haben. Aber das ist mir mein Ueberleben wert.

Was gibt es sonst noch so zu sagen? Ueberall Akkordeonspieler, ich koennt mich glatt wohlfuehlen. Ich bin innerhalb von zwei Tagen viermal in der Bahn kontrolliert worden. Franzosen haben noch oefter ihr Handy am Ohr als Deutsche, zumindest hier. Wenn die Sonne scheint, kann man fast im T-Shirt rumlaufen. Naechstes Wochenende fahr ich trotzdem Ski mit der Erasmus-Organisation. Kosmetika (Deo und so) sind hier doppelt so teuer. Ich habe heute die gerade erstandene Sonnencreme in der Post liegen lassen.

Viele Gruesse,Catherine

Hier uebrigens ein Foto von meinem Balkon hier - leider etwas in die Laenge gezogen...

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