Jetzt sind alle weg. Und haben mich zurückgelassen. Alleine. Im bewölkten Montpellier (aber für alle Daheimgebliebenen: 25 Grad und kein Regen!). Und das Schlimmste: ich bin weder depressiv noch traurig geworden. Sind Erasmus-Freundschaften wirklich so oberflächlich?
Nein, ein wenig getrauert hab ich schon, aber mein neues Praktikum ging direkt gestern los und die letzten Tage davor waren einfach super. Noch mal alle Leute sehen, Abschiedspartys feiern, Taschentuchschwenken am Bahnhof, fast leere Apartments betreten und sich freuen, dass man selbst nicht putzen muss und den ganzen Auszugsstress noch vor sich hat. Außerdem ist meine Speisekammer jetzt doppelt so voll, da ich von allen möglichen Leuten Reste bekommen habe. Ich kann mich während meines gesamten Aufenthaltes hier nur noch von Kartoffeln ernähren, wenn ich wollte. Ich sinne schon über neue Kreationen nach.
Also gut, Montagmorgen fuhr dann Claudia als Letzte nach einer unvorhergesehenen weiteren Übernachtung in Montpellier gen Heimat davon (ich behaupte jetzt mal, Lyon sei Heimat, schließlich nimmt sie von dort aus das Flugzeug nach Rom).
Aber ich habe vorgesorgt, Langeweile kommt doch nicht auf. Fraech, der Ire, hat sich bereit erklärt, mit mir weiter Musik zu machen. Von jetzt an werden wir uns vermutlich auch nach den Yoga-Zeiten richten.
Nein, ich werde jetzt nicht esoterisch-abgefahren, das Ganze hat den Hintergrund, dass sich in meinem Haus, nämlich direkt unter meiner Wohnung, ein Yoga-Studio befindet. Als ich das letzte Mal am Liederschmettern mit Sal (Irin, leider weg) war, klopfte ein Yogi an meine Tür und fragte, ob wir vielleicht bald aufhören könnten, er würde gleich einen Yoga-Kurs geben. Gleichzeitig hat er mich aber auch in seine Yoga-Stunde eingeladen, vielleicht aus schlechtem Gewissen. Dabei müsste ich das schlechte Gewissen haben, denn ich frage mich, wie oft wir schon seine Stunden gestört haben.
Um sowohl sein als auch mein schlechtes Gewissen loszuwerden, bin ich dann gestern Abend tapfer mit Kopfschmerzen in die Yoga-Stunde spaziert. Das minutenlange Kopf-Über-Hängen tat mir dabei dann aber doch nicht so gut. Außerdem habe ich die Hälfte der Anweisungen nicht verstanden (ich raff das ja auf Deutsch schon nicht) und mir musste immer alles extra erklärt werden. Zu allem Überfluss wurde der nette Yoga-Lehrer nicht müde, den Anwesenden zu erklären, ich sei seine Nachbarin, die, die immer so nett Musik macht während der Yoga-Stunden.
Vielleicht geh ich nächste Woche trotzdem wieder hin. Vielleicht hat sich bis dahin auch der Muskelkater gelegt.
Wo ich gerade von Musik gesprochen habe, kommt dieser Themawechsel vielleicht gar nicht so krass. Seit meinem letzten Eintrag (von den Bildern mal abgesehen) waren schon zwei Musikfeste in Montpellier in den Straßen. Und ich bin eigentlich immer noch begeistert. Entweder gibt es so was in Deutschland nicht oder ich habe es bisher ignoriert.
Am 21. Juni war in ganz Frankreich fête de la musique – wie übrigens jedes Jahr. Es war ein Gedränge in den Straßen am Abend und an jeder Ecke Musik. Wirklich unglaublich. Alles umsonst, eine riesige Fete. Übrigens ohne komische verkleidete Leute und es war warm (allen Fastnachfans sei gesagt, dass ich einfach irgendwie Nordlicht bin). Betrunken waren alle trotzdem, immerhin das war gleich.
Fanfaren wie bei Fastnacht gab es hier am Samstag – die Kapellen waren auch ganz merkwürdig verkleidet. Allerdings war die Musik richtig super, und wieder an jeder Ecke ne Gruppe und überall Leute. Leider konnten wir nicht ganz so lange bleiben, weil wir Caro am Bahnhof verabschiedet haben.
Als Fraech und ich wieder zur Fete zurückkehren wollten, wurden wir allerdings von jungen Iren aufgehalten, die gerade ihr Abi in der Tasche hatten (bzw. ihre A-Levels). Das waren der Bruder und ein Freund von einer bereits abgereisten Irin, denen Fraech für die Nacht Unterkunft zugesagt hatte. Da diese beide kleinen Iren aber unbedingt französischen Alkohol im Überfluss genießen mussten, schleppten wir den einen nach Hause, während der andere uns einen hochphilosophischen Monolog über die verlorene irische Kultur hielt. Eigentlich war’s ganz amüsant, auch wenn das Thema traurig war.
Und Freitag gibt es wieder Musik: es ist „nuit celtique“ in Gignac (im Hinterland, den Mainzerinnen, die mich besucht haben, wird das was sagen) und ein netter Franzose hat ein Auto, um da hinzufahren, juchuu. Unter anderem spielen Tri Yann, falls das irgendjemand kennt.
Zu guter Letzt dann noch kurz was zu meinem neuen Praktikum: es ist nicht mehr an der Uni, das ist nämlich jetzt zu Ende. Hab mich nett verabschiedet, kann jeder Zeit auch wiederkommen, hab meinen Artikel noch hingekriegt (bzw. eher ein Bericht auf Englisch) und wir bleiben in Kontakt, damit ich weiter von den Forschungsergebnissen erfahre. Irgendwann wird dann vermutlich auch was veröffentlicht, aber reich und berühmt werde ich allem Anschein nach nicht.
Das neue Praktikum ist jetzt beim GRAINE (groupe régional animation initiation nature et environnement: http://grainelr.org). Was das im Detail ist, kann ich nicht erklären (das gilt es noch rauszufinden), aber es ist der Dachverband von ganz vielen Verbänden in der Region, die sich mit Umweltbildung bzw. –erziehung beschäftigen. Meine Aufgabe ist es jetzt, mich über Umweltbildungsprojekte in Europa schlau zu machen und darüber zu schreiben. Es geht dabei alles um die Dekade der nachhaltigen Entwicklung, die von der UNESCO betreut wird. Ich schlage mich gerade mit Internetseiten en masse rum und bin gespannt, was bei rauskommt. Das Thema find ich aber eigentlich wirklich gut.
Und hier noch ein paar Bilder, denn – ich erwähnte es gar nicht – mein Nachbar ist anscheinend Sonntagnacht aus dem Urlaub wiedergekommen und ich bin nicht mehr von der Außenwelt abgeschnitten. Ach ja, und danke an alle, die mich bemitleidet haben, ich weiß jetzt immerhin, dass mein Blog gelesen wird. (Mir ist mittlerweile auch aufgefallen, dass es auch sonst eine schöne Erinnerung wäre, auch wenn es keiner liest. So.)
Fête de la musique:
Soo voll war es überall. Das hier auf dem Place de la Comédie, sehr zentraler Platz. Fotografiert aus Caros Wohnung, tolle Lage, aber jetzt ist sie ja weg (Caro, nicht die Wohnung).

Eigentlich wollte ich ein anderes Bild hochladen, aber gut, das geht auch, am Place Albert Premier (sagt den meisten viel, oder?):

Eine Band, deren Namen ich nicht weiß, die mir aber gefallen hat:

Rap-Battle (heißt das so?) vor einer Bar – ich hab echt nicht übertrieben, einfach ÜBERALL Musik:

Und noch n paar Leute, die dabei waren:



Das Bild passt hier vielleicht nicht so hin, aber immerhin ist es auch über Frankreich (muss ich das Wortspiel erwähnen? Nein, oder?):

Abschiedsparty von Leuten, die kurz zuvor zwei Wochen Urlaub in Marokko gemacht haben. Demnach ist das auch marokkanische Kleidung und kein Ku-Klux-Klan-Verschnitt:

Und über allem leuchtete hell das Chateau d’Eau (wobei ich nicht weiß, ob es so heißt, und so richtig leuchten tut es ja auch nicht gerade…):

Ein letztes Mal mit dem Auto am Strand (mit dem Bus kommt man nicht zu Stränden mit Dünen):


Sal, Fraech, ich, beim Musikmachen. Würde das gehen, würde ich Euch lieber das kurz zuvor aufgenommene Video zeigen. Eigentlich war die Intention, die Musik aufzunehmen, um mich an die Melodie zu erinnern. Gleichzeitig filmte Jenny (eine andere Irin) aber draußen eine Frau, die mit Bergsteigerkluft ihre Katze vom Dach rettete. Das war wirklich zu lustig, und wir Musiker haben es alles erst kurz vor Entstehung dieses Bildes mitgekriegt (deshalb auch dieses merkwürdige Grinsen):

Fanfarenfest:

Lucia am Abreisetag mit ihren italienischen Freunden (jetzt werde ich doch noch sentimental):

Ein letztes Foto in meiner Straße mit Lucia (buhuuu):

Und ein Abschiedsfoto von uns mit Caro am Bahnhof. (Geschichte dazu: wir standen hinterm Bahnhofseingang, Fraech war gerade dabei, ein Foto von uns zu machen. Ein Halbwüchsiger schaute durch die Tür, um uns blöd anzubaggern: „salut les filles…“, schaute um die Ecke, sah Fraech: „oh, merde, il y a un garçon!“ und haute ab)